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  • Ein Spaziergang durch Europa mit Büchern und Witzfiguren

    Tagebuch zur Buchmesse (1) – Donnerstag, 23. März

    Ich habe mir eine Veranstaltungsreihe auf der Buchmesse ausgesucht: Den Schwerpunkt Europa 21, bestehend aus Diskussionsforen, Lesungen und Performances. 11:30 Uhr, Halle vier.  Auf der Suche dorthin verdrehen mir jedoch ganz andere Dinge den Kopf. Da ist dieses riesige Plakat, auf dem eine mir doch sehr bekannte Person im Judo-Anzug posiert. „Judo mit Wladimir Putin“ steht dort in großen roten Lettern geschrieben. PutinIch gehe weiter und kann in der Ferne einen schwarz-weiß-roten Schriftzug erkennen. Voller Vorfreude laufe ich darauf zu. Und es lohnt sich: Das Compact-Magazin hat alles gegeben, die Haare sind frisch gegeelt, die schwarzen Anzüge blitzblank. Jung, wild, patriotisch. Leider wird meine Kamera dort nicht gern gesehen. Ich muss zugeben, es war schon ein wenig geschmacklos Fotos von diesen Menschen zu machen. Wo sie doch gerade um die vielen deutschen Toten von Merkels Multikulti-Politik trauern.

    Als ich in Halle vier ankomme, bemerke ich an der Hallendecke riesige Flaggen. Links ist die Schweiz, rechts Österreich, weiter hinten Tschechien, Ungarn. Ich verstehe, das ist die Europa-Halle. Nur hat halt jedes Land seine festgeschriebene Ecke mitsamt Fahne. Einiges Europa schön und gut, aber es gibt eben Grenzen. Ich schlendere an der Österreichischen Ecke vorbei, wo ein paar Plastikstühle mit Webmuster vor einer kleinen Bühne ein Wiener Kaffeehaus darstellen sollen. Auf der Bühne wird sich angeregt über Tirol unterhalten, vor dem Hintergrund einer blühenden grünen Berglandschaft, auf der die Worte „Wofür schlägt dein Herz?“ zu lesen sind. Ich gehe zur Tschechischen Ecke und schaue mir die schönsten tschechischen Kinderbücher an. „To je Praha“ (Das ist Prag), ein Bilderbuch mit collageartigen Illustrationen, hat es mir besonders angetan. Es lachen mir in Pastellfarben getönte Kinder entgegen, die den Stadtpark Petrin entlangskaten. Praha

    Endlich angekommen, am schwarz-weißen Banner des „Café Europa“, lasse ich mich auf einen der schwarzen und weißen Stühle fallen. Dieser Ort strotzt vor Symbolik: Ich lerne, dass die Gespräche den Zuschauenden einen Spiegel vorhalten sollen. Es soll über „uns“ geredet werde, nicht über „die Anderen“. Wir sollen uns von unserem Schwarz-weiß-Denken verabschieden. Eröffnet wird der Salon von Idil Nuna Baydar aka Jilet Ayse. Ich erinnere mich an einen Fernsehauftritt und bereite mich aufs Fremdschämen vor. Jilet Ayse wird als „Zukunft Europas“ angekündigt, was schmeicheln soll, aber irgendwie fehlschlägt. Wenig später weiß ich warum: Jilet Ayse trägt schwarz-pinke Jogginghose mit weißen Sweatshirt, auf dem „Rap“ zu lesen ist. Blonde Strähnchen, toupiert. „Wir hatten eine gute Idee mit Europa, gut, ich als Kanacke stand immer ein bisschen daneben, aber sogar ich sag das Grundgesetz ist Maschallah Bruda.“ Es wird sich rassistischer Klischees bedient, um rassistisches Denken zu bekämpfen. Achtung, rhetorische Frage: Geht das? Ein Satz lässt mich jedoch schmunzeln: „Burka-Verbot? Man sollte Männer in Anzügen verbieten, immer wenn irgendeine Scheiße passiert sind die vor der Kamera!“.

    Salon2Danach folgen zwei Podiumsdiskussionen. Mely Kiyak (Kolumnistin und Autorin), Kijan Espahangizi (Historiker) und Fatih Cevikkollu (Schauspieler und Komiker) reden über Filterblasen, Geflüchtete, Fake-News und „unsere“ Debattenkultur, womit die „deutsche“ gemeint ist. Filterblasen werden mit Onanie verglichen. Sie sind Selbstbefriedigung und nicht befruchtend. Die Debatte über Geflüchtete wird in ihrer „vulgären Einfachheit“ kritisiert, es gehe nur um die Frage „Für oder dagegen? Und wenn Ja, wer bezahlt das?“. Fake-News habe es schon immer gegeben, die heutige Empörung darüber resultiere aus der Enttäuschung durch das Internet, das diesen keinen Einhalt gebieten konnte. Die Debatte besteht aus lauter Allgemeinplätzen, die aber meist wortgewandt formuliert werden und mir alle Debattierenden sympathisch erscheinen lassen.

    In der zweiten Podiumsdiskussion sprechen Martin Roth (ehemaliger Direktor des Victoria & Albert Museums), Katarzyna Wielga-Skolomowska (Theaterwissenschaftlerin, die durch die polnische Regierung ihren Job verlor) und Katja Riemann (Schauspielerin) über die Frage „Wer ist das Volk?“. Katja Riemann startet mit einem sehr bedachten Monolog über die negativ-emotionale Komponente des Wortes „Volk“ und spricht sich gegen dessen Gebrauch aus. Martin Roth stellt die Frage „Warum vergessen wir so verdammt schnell?“. Roth glaubt an ein Europa, dass Frieden bedeutet. Und Wielga-Skolomowska verurteilt die „populistischen Tendenzen“ in ganz Europa, die Anspruch auf die alleinige Vertretung „des Volkes“ zu haben glauben.

    „Wir in Europa“ lese ich auf einem Flyer. Wer dieses „Wir“ sein soll, konnte mir der heutige Tag nicht beantworten. Und wo dieses „Wir“ steht ebenso wenig. Aber dafür habe ich interessanten Leuten zugehört, die interessante Themen diskutieren. Durch Diskussionen wie diese bekomme ich eine immer schärfere Ahnung, wo ich eigentlich stehe.

     

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    Fotos: mz

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