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    Der Osten Deutschlands ist kälter als der Westen und trotzdem ist Schnee in Leipzig rares Gut. Wie stehen die Chancen in Zeiten der Klimakrise?

    Auf gutefrage.net gibt es Antworten auf fast alles. Auch auf die Frage, ob es diesen Winter schneien wird. Antwort: „Ja bestimmt, ich kann dir nur nicht sagen wo ;)“. „Der Winter 2019 war der zweitwärmste deutsche Winter seit Messbeginn. Dass sich das wiederholt, ist relativ unwahrscheinlich“, sagt Thomas Hain vom Deutschen Wetterdienst. Dennoch: Die Langzeitmodelle prognostizieren mal wieder einen zu warmen Winter mit etwa 1,5 bis zwei Grad Abweichung von der Klimanorm. Diese liegt für den Winter bei + 0,2 Grad Celsius nach dem Referenzwert der Messperiode 1961 bis 1990.  Kälteeinschläge und Schnee sind trotzdem möglich. „Klimawandlung deutet darauf hin, dass es zwar generell wärmer wird, aber auch Extremereignisse häufiger werden“, erklärt Hain. „Die wärmsten Winter treten gehäuft seit der Jahrtausendwende auf. Es gibt trotzdem immer wieder Wintereinbrüche, wie in 2010 und 2018. Vor zwei Jahren gab es bis in den März hinein Schneeverwehungen in Leipzig.“ Tatsächlich sei der Osten Deutschlands kälter als der Westen, erklärt der Wetterexperte. Das liege daran, dass die vom Westen her strömende Luft Feuchte und Wärme vom Atlantik mit sich bringe, die sich dann in Niederschlag äußert, während die Ostströmung kalte und trockene Kontinentalluft von Russland mit sich bringe. In Görlitz ist es also kälter und trockener als in Aachen. Doch auch wenn Leipzig geographisch über gute Schneevoraussetzungen verfügt, fehlt es an Höhenmetern, um die weißen Flocken zu garantieren. Auch fehle es an umliegenden Bergen, an denen die Wolken hängenbleiben und Niederschlag fallen könne, sagt Hain. Wäre Leipzig im Erzgebirge, sähen unsere Chancen auf Schnee viel besser aus.

    Dass wir Menschen keinen Schneemann bauen können, ist zwar schade, aber verkraftbar. Dass Schmetterlingspuppen und Raupen von Pilzen befallen werden, weil die Winter zu warm und feucht sind, ist weit schlimmer „Viele Insekten und auch Säugetiere können im Winter ihren Stoffwechsel herunterfahren, um Energie zu sparen. Ist es dann zu warm, werden sie aktiv, finden aber nicht mehr genügend Nahrung“, erklärt Ingolf Kühn, Professor für Makroökologie in Halle. Ähnliches passiert in der Pflanzenwelt. „Es gibt Arten, die in Anpassung an die kalte Jahreszeit klein genug sind, um durch eine Schneedecke isoliert zu werden“, sagt Kühn. „Wenn kein Schnee da ist, aber trotzdem Frost kommt, dann sterben eben diese Pflanzen.“ Dahingegen würden unter anderem gebietsfremde Arten vom wärmeren Klima profitieren. Diese starben bislang oft durch Schnee oder Frost. Ohne diesen würden sie es öfters durch den Winter schaffen und sich auch über den Gartenzaun hinweg ausbreiten, sagt der Botaniker. Das schaffe Konkurrenz für heimische Pflanzen und könne auf lange Sicht zu einem Verdrängen einiger heimischen Arten führen, die sich nicht schnell genug anpassen können.

    Der erste Schnee in Leipzig falle laut Hain grundsätzlich zwischen dem 15. November und dem 3. Dezember. Rein statistisch wäre der Schnee also nun überfällig. Auch weiße Weihnachten wird es dieses Jahr wahrscheinlich nicht geben. Dass es an Weihnachten selten schneit (das letzte Mal in Leipzig 2010) und dafür im Januar und Februar umso öfter, liege daran, dass die Temperaturentwicklung der Sonnenentwicklung immer circa einen Monat hinterherhinke, sagt Hain. Die Sommersonnenwende ist zwar im Juni, aber trotzdem sind die heißesten Tage meist erst im Juli oder August. Gleiches gilt für den Winter. Die Wintersonnenwende erfolgt im Dezember, aber die kältesten Tage des Winters kommen erst im Januar und Februar. Und mit ihnen unsere Chancen auf Schnee.

    Die gute Nachricht: Es wird weiterhin Schnee geben. Trotz Erderhitzung wird es auch in zehn, 20 oder 30 Jahren schneien. Nur wird er seltener und der Zeitraum, in dem er fällt, kürzer werden.

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