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  • „Ein Messeerlebnis ohne Grenzen“

    Die Leipziger Buchmesse steht dieses Jahr unter einem neuen Stern. Redakteurin Johanna Klima hat im Vorfeld mit Astrid Böhmisch über ihre Arbeit als Direktorin gesprochen.

    Seit 2024 ist Astrid Böhmisch Direktorin der Leipziger Buchmesse. Die studierte Germanistin und Anglistin war zuvor mehrere Jahre mit Spezialisierung auf Marketing in der Buch- und Filmbranche tätig. Letztes Jahr sorgte die Neubesetzung der Stelle für einigen Unmut, einerseits aufgrund ihrer Unbekanntheit, andererseits doch vor allem wegen des Abschieds des beliebten letzten Direktors, Oliver Zille, der die Stelle für 30 Jahre besetzte. Während Böhmisch letztes Jahr eine nahezu fertig geplante Buchmesse übernahm, konnte sie die diesjährige Veranstaltung aktiv planen und vorbereiten. Sowohl die Presse und Mitwirkende als auch Fans der Messe warten mit großer Spannung auf das diesjährige Event. Mit luhze-Redakteurin Johanna Klima hat Böhmisch nun darüber gesprochen, wie ihre Schwerpunkte, Erwartungen und Vorfreuden für die Buchmesse aussehen.

    luhze: Frau Böhmisch, im letzten Jahr konnten sie in der Organisation der Leipziger Buchmesse noch nicht gänzlich mitwirken, da sie bereits geplant war. Was waren die wichtigsten Beobachtungen und Erfahrungen, die Sie in die Planung der diesjährigen Messe mitnehmen konnten?
    Böhmisch: Ich bin einfach reingesprungen und konnte genau schauen: Was funktioniert gut? Wo haben wir vielleicht Nachsteuerungsbedarf? Was müssen wir vielleicht genauer betrachten oder sogar verändern, weil es konzeptionell nicht mehr passt? Ich habe direkt nach der letzten Messe sehr viel mit dem Team über unsere Abläufe und Prozesse nachgedacht. In einigen Dingen sind wir in die Weiterentwicklung gegangen, wir haben uns auf den Weg gemacht und manches davon wird man auf der Leipziger Buchmesse 2025 auch sehen können.

    Worauf haben Sie sich bei der diesjährigen Organisation besonders fokussiert? Was liegt Ihnen vielleicht sogar am Herzen?
    Ein wichtiger Punkt, der uns als Gesamtteam am Herzen liegt, ist, dass wir unser Konzept der Vielfalt weiter ausgebaut haben. Wir arbeiten kontinuierlich daran, ein Messeerlebnis ohne Grenzen zu bieten. Ich glaube, das merkt man am allermeisten an unserem neuen Hallenkonzept. Anstatt Themen strikt voneinander zu trennen, setzen wir ganz auf eine durchdachte Durchmischung, auf eine sanft gelenkte, zufällige Entdeckung, sodass sich alle Bereiche gegenseitig befruchten. Unsere Leben sind so digital und zum Teil so voneinander abgegrenzt. Mit der Leipziger Buchmesse haben wir die Chance, in diesen vier Tagen einen Raum für Dialog und für Austausch zu öffnen. Ein zweiter Punkt, der gesamtgesellschaftlich von Bedeutung ist und den wir aufgegriffen haben, ist der Hörspiel- und Hörbuchbereich. Für viele Menschen erfolgt der Einstieg ins Lesen durch das Hören. Oftmals hören wir, wenn wir im Zug oder im Auto sitzen, wenn wir den Haushalt machen – und das spiegelt uns der Markt zurück. Die Zuwachsraten sind immens. Daher haben wir dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse eine Audiowelt. Es ist eine Erlebniswelt mit einer zentralen, großen Bühne und drei Hörinseln für verschiedene Altersgruppen. Worauf ich außerdem gern aufmerksam mache, ist unser neues Forum „Mensch und KI: Schöne neue Welt?“ zum Diskutieren und Fragenstellen. Das war für mich bis dato noch eine Leerstelle.

    Zur letzten Buchmesse sprach luhze mit verschiedenen Ausstellern und Austellerinnen über deren Erwartungen an Sie und Ihre Leitung. Vor allem ein fachbewussteres Arbeiten oder auch bessere Möglichkeiten, damit es sich auch für kleinere Verlage wirtschaftlich lohnt nach Leipzig zu kommen, wurden hier genannt. Wie konnten Sie diese Kritik an der Leipziger Buchmesse in Ihrer Arbeit aufgreifen?
    Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir dieses Jahr gerade im Bereich Kinder- und Jugendbuch einen Zuwachs verzeichnen können. Das heißt, wir können diesem mehr Raum bieten, was hoffentlich für eine schöne Interaktion zwischen dem Bereich Bildung und dem Verlagsbereich Kinder- und Jugendbuch sorgt. Als zweitgrößte Bildungsmesse Deutschlands haben wir mit der neuen Hallenaufteilung dieses Jahr eine stärkere Note gesetzt. Zudem versuchen wir natürlich immer – und besonders dieses Jahr –, in den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten auch für kleine und mittelgroße Verlage die Präsenz auf der Leipziger Buchmesse möglich zu machen. Wir sind selbst von Preissteigerungen betroffen und überlegen genau: Wie machen wir das noch möglich? Vielfalt ist uns wichtig und wir hoffen, dass wir damit dieses Jahr wieder einen Kontext geschaffen haben, wo das machbar ist – und die Ausstelleranmeldungen geben uns Recht.

    Sie hatten erwähnt, dass Sie auch geschaut haben, was der Markt widerspiegelt. Konnten Sie Ihre Marketingqualitäten in der Planung gut und sinnvoll einbringen?
    Das ist ein kontinuierlicher Dialog und ich glaube, es ist unglaublich wichtig für die Leipziger Buchmesse, sich von der Frankfurter Buchmesse abzugrenzen. Bei uns stehen Themen wie Kommunikation, mediale Berichterstattung der Lesungen und Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren im Vordergrund. Da habe ich Erfahrungswerte, das macht mir Spaß. Dieses Jahr haben wir beispielsweise einen Blogger Room eingeführt, der die Berichterstattung von der Leipziger Buchmesse erweitert. Blogger sind auch ein wichtiger Teil der Lesecommunity. Ich glaube, wir alle lesen mittlerweile basierend auf Empfehlungen aus den Medien und folgen bestimmten Accounts. Daher haben wir dieses Jahr ein spezielles Programm für literarische Buchblogger zusammengestellt, wo sie sich vernetzen und mit Verlagen arbeiten können. Wir arbeiten hier Hand in Hand zusammen, um auch für Verlage ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen.

    Worauf freuen Sie sich denn in diesem Jahr am meisten?
    Das Tolle ist, man arbeitet ein Jahr darauf hin und schrittweise steigt die Spannung. Ich mag diesen Moment, wenn es dann am Donnerstagmorgen richtig losgeht, wenn sich die Hallen füllen und man weiß: Jetzt ist es wie beim Film, jetzt rollt die Szene, jetzt ist Action. Ebenfalls freue ich mich sehr auf den Preis der Leipziger Buchmesse. Wir hatten dieses Jahr 506 Einreichungen – das sind so viele wie noch nie. Wir haben eine neu zusammengestellte Jury und ich bin wahnsinnig gespannt, zu welchem Ergebnis sie kommt. Ich freue mich auch über den neuen Preis, den wir auf der Leipziger Buchmesse begrüßen dürfen, den Franz-Hessel-Preis, bei welchem wir auf den Dialog zwischen Frankreich und Deutschland schauen. Ausgezeichnet werden Werke und Schriftsteller und Schriftstellerinnen, deren Werk noch nicht oder nicht umfassend in die jeweils andere Sprache übersetzt sind. Ich glaube, das ist ein schönes europäisches Signal. Natürlich freue ich mich auch auf die Begegnungen mit Büchermachenden in der Woche. Auch wenn man stets nur kurze Gesprächssequenzen hat, es gibt gegenseitig so viel Energie.

    Was würden Sie sich gerne persönlich anschauen, wenn Sie nicht als Astrid Böhmisch auf der Messe wären, ganz ohne Termine?
    Hätte ich mehr Zeit, dann würde ich mir gern die Balkannacht im UT Connewitz anschauen, weil ich das als eine schöne Kombination zwischen Lesungen, Musik und Gesprächen empfinde. Außerdem würde ich mir natürlich bei Leipzig liest diverse Veranstaltungsorte ansehen und eine Tour durch die Stadtteile zusammenstellen. Und ich würde mich auch durch die Manga-Comic-Con treiben lassen, weil es da so viel Neues und Fremdes für mich zu entdecken gäbe. Das fände ich wunderbar. Jetzt habe ich ganz viele, spannende Bereiche ausgelassen, aber wir reden ja nur im Konjunktiv.

    Titelbild: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

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