Von der verramschten Theatersäule zur rätselhaften Schauspielperformance der Zukunft
„Bullshit“: Das Stück der Berliner Theatergruppe She She Pop verwirrt und begeistert das Publikum in der Residenz des Schauspiel Leipzig gleichermaßen.
Das in Berlin ansässige feministisches Performance-Kollektiv She She Pop führte am 5. März in der Residenz Leipzig das Stück „Bullshit“ auf. Dabei ist das Publikum zentraler Teil der Theaterinszenierung. Schon mit dem Betreten des Theatersaals beginnt die Performance. Die vier Schauspieler*innen stehen verteilt im Raum und sprechen in ihre Mikrophone. Sebastian Bark versucht, dem Publikum die Angst zu nehmen: „Keine Sorge, Sie haben alle eine Karte gekauft, es ist für alle genug Platz.“ Ob es in dem geschlossenen Raum eine funktionierende Sprinkleranlage gibt, rätselt She She Pop und kommt zu keinem Ergebnis. Trotzdem wird weiterhin versucht, mit dem Publikum über dessen Ängste ins Gespräch zu kommen. Vorne wird über die Angst berichtet, dass das Kleid aus Wolle aufribbeln könnte. Hinten im Publikum erzählt eine Darstellerin von ihrer Fledermausrecherche. Alles ist etwas wirr, bis irgendwann die Lichter ausgehen. Die Theatertür wird geschlossen und alle zusammen, auch das Publikum, singen „Everybody Knows“, den legendären Song von Leonard Cohen.
Das Publikum befindet sich in einer Verkaufsshow, wie es sie sonst nur im Fernsehen zu sehen gibt. Hier steht eigentlich alles zum Verkauf: Von der tragenden Theatersäule über die Echtheit, Nacktheit und Authentizität in Zeiten von Fake und Autotune – bis hin zu dem Stuhl mit der perfekten Zentralperspektive auf die Bühne. She She Pop begibt sich auf eine Suche nach Wertvollem, allerdings versteht die Gruppe „wertvoll“ nicht als monetäres Maximum in kapitalistischer Manier. Alles ist stattdessen zum Einheitspreis von 4,99€ zu haben. Der Preis soll fair sein. Einerseits soll er für alle erschwinglich sein, andererseits den Wert des verkauften Objekts angemessen verkörpern.
Die tragende Theatersäule wird sofort von einem Mann in der ersten Reihe gekauft, der sich das Knaller-Angebot nicht entgehen lassen will. Gleichzeitig ist dieser Ausverkauf auch eine Parodie an die aktuellen Kulturkürzungen. Ist es nicht etwas unsolidarisch, die tragende Theatersäule wegzukaufen? Schließlich könnte nun dem ganzen Publikum die Decke auf den Kopf fallen und das Theaterstück wäre zu Ende.
Anschließend werden auch der rote Faden und der Boden als wertvoll und verkaufbar identifiziert. In der Ausverkaufs-Show des Altbekannten treten nicht nur normschöne weibliche Körper auf, sondern wird die Nacktheit gealterter Körper zelebriert und normalisiert.
She She Pop rüttelt an den Grundpfeilern dessen, was wir für gewiss halten. Eine Zuschauerin bemerkt während der Vorstellung etwas traurig: „Ich glaube, ich habe das Stück nicht ganz verstanden.“ Aber gerade darum, nämlich das Publikum zu verwirren, gemeinsam das Sinnhafte zu verlernen und dem Durcheinander der Möglichkeiten Platz zu machen, geht es in „Bullshit“. In der zweiten Hälfte des circa 100-minütigen Stückes, lautet die wichtige Frage: Was bleibt, wenn alles ausverkauft ist?
An Anknüpfungspunkten mit Gegenwartsproblematiken mangelt es dem Stück nicht. Wenn auch nicht auf allzu explizite Weise setzt sich das Stück mit Kapitalismus, Individualismus, Speziesismus, Feminismus, Angst, Kommunikation und Gesellschaft auseinander. She She Pop begibt sich nach dem super-großen Ausverkauf des Wertvollen auf die Suche nach Utopie. Auf einmal singt wieder Lennard Cohen „Everybody Knows“, obwohl alle eher nicht mehr so genau wissen, was sie eigentlich noch wissen.
Da sind auf der Leinwand Biber, Hamster, Schaf und Zecke zu sehen. Das Schaf redet vom Individualismus, der für ein Herdentier doch vor allem Energieverschwendung sei. Das Publikum lacht über diese Kritik. Es befindet sich mittendrin im Wirbel dieser nackten Verkauf-den-Bullshit-Show, die den Bezug zum Realen und Bekannten aufgibt.
Das Stück von und mit Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf arbeitet mit vielen modernen Multimedia-Elementen, mit Licht, Fernsehern, Musik und Videoinstallationen. Es gibt Mitmachelemente, bei denen das Publikum wie unter der Petrischale psychologisch analysiert werden könnte.
Am Ende des Stücks sind die Darsteller*innen in wunderschönen Kostümen als Tiere verkleidet und tanzen in einem düsteren Tanz von der absurden Verkaufsshow in eine andere Welt, möglicherweise sogar in die Zukunft.
Titelbild und Fotos: Benjamin Krieg


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